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Papier spricht mit

Der Einfluss auf die Gestaltung

Papier spricht mit
Foto: Lisa Niederschick

Entscheidungshilfe Papiermusterfächer: Zwar sind die Hersteller sparsamer geworden, aber es gibt sie – wenn auch häufig nur auf Nachfrage.

Vor über 25 Jahren führte mich eine Reise ins schwedische Munkedal. Dort wollte ich mehr über Papierherstellung erfahren, doch stattdessen lernte ich etwas über Gestaltung. Denn Papier ist weit mehr als ein Träger von Information. 

Diese vertiefte Erkenntnis begleitete mich zurück nach Österreich, wo ich nach und nach hochwertige Papiere erfolgreich in meinen Arbeiten – auch im Magazinbereich – etablierte. Dieser Tage gehörte das Wissen über Papier selbstverständlich zum Handwerk von Gestalterinnen und Gestaltern. 

Wer Drucksorten entwarf, kannte die Unterschiede zwischen Naturpapier und Bilderdruckpapier, zwischen rauen und satinierten Oberflächen oder zwischen hohem und geringem Volumen. Die Auswahl des Papiers war kein Produktionsschritt am Ende eines Projekts. Sie war Teil der gestalterischen Idee – unterstützt von zahlreichen Musterkollektionen, welche Papierhersteller wie -vertriebe gerne zur Verfügung stellten. Denn das Verständnis für Papier und Material vermittelt eine weitere wichtige Dimension des grafischen Handwerks, so wie der Bleisatz zur typografischen Präzision und der Gestaltungsraster zur Ordnung beiträgt.

Heute entstehen Kommunikationsmittel fast ausschließlich am Bildschirm. Farben leuchten auf hochauflösenden Monitoren, Layouts werden online freigegeben. Die Produktion und das Gespür für die richtigen Entscheidungen rücken oft in den Hintergrund. Dabei hat Papier nichts von seiner gestalterischen Bedeutung verloren. Im Gegenteil: Gerade, weil wir den Großteil unserer Informationen digital konsumieren, fällt uns die materielle Qualität gedruckter Medien stärker auf.

Papier kommuniziert
Ein Naturpapier vermittelt andere Werte als ein hochglänzendes Bilderdruckpapier. Ein hochweißes Volumenpapier wirkt anders als ein Bogen dünnes Recyclingpapier. Schon bevor ein Text gelesen oder eine Marke erkannt wird, nimmt der Mensch Gewicht, Oberfläche und Haptik wahr. Diese Eindrücke beeinflussen die Wahrnehmung einer Botschaft. Wir lesen nicht nur Inhalte. Wir lesen Materialien. Ähnlich wie eine Schrift Haltung, Seriosität oder Dynamik vermittelt, transportiert Papier eine Botschaft. Für Marken eröffnet das eine zusätzliche Ebene der Kommunikation. Wer ein nachhaltiges Produkt auf dünnem Hochglanzpapier präsentiert oder eine Premiummarke auf beliebigem Standardmaterial, sendet widersprüchliche Signale. Materialwahl ist deshalb nicht erst Produktionsentscheidung, sondern Teil der Markenführung. Papier, Druck und Oberfläche helfen dabei, Charakter, Positionierung und Werte einer Marke erlebbar zu machen. Sie machen sichtbar und spürbar, wofür eine Marke steht.

Papierwahl bedingt fundiertes Wissen
Doch Papier wirkt selten allein, denn zum Material kommt der Druck. Erst durch ihn – egal ob digital oder analog – wird sichtbar, was Gestaltung beabsichtigt. Papier und Druckverfahren (samt Verarbeitung) bilden dabei immer eine Einheit. Farben verhalten sich auf Naturpapieren anders als auf gestrichenen Oberflächen. Feine Details wirken unterschiedlich. Kontraste verändern sich. Deshalb ist Druck kein rein technischer Produktionsschritt. Er ist Teil der Gestaltung und jedes Papier verlangt die Auseinandersetzung der Grafikerin und des Grafikers. Wer diese Zusammenhänge versteht, trifft bessere Entscheidungen und steuert gezielt die Wirkung seiner Entwürfe. Noch deutlicher wird dies bei der Veredelung. Blindprägungen, Reliefs, aber auch Lacke und Sonderfarben werden oft als dekorative Extras betrachtet. Richtig eingesetzt unterstützen sie jedoch die Gestaltung. Sie schaffen Orientierung, lenken Aufmerksamkeit oder steigern die Wertigkeit eines Produkts. Gute Veredelung macht eine Botschaft nicht lauter. Sie macht sie präziser. Wie in der Typografie gilt auch hier: Die besten Lösungen fallen häufig nicht auf, solange sie vorhanden sind. Fehlen sie, bemerkt man ihre Wirkung (oder besser gesagt: das Fehlen dieser) umso stärker. Dass dieses Wissen heute noch relevant ist, zeigt ein kurzer Blick in die Praxis. Unternehmen wie das familiengeführte Salzer Papier aus St. Pölten entwickeln weiterhin hochwertigste Papierlösungen. Druckereien wie gugler* oder Janetschek Druck (um nur einige wenige zu nennen) investieren kontinuierlich in Druckqualität, Veredelung und verantwortungsvolle Produktionsprozesse. Das alles geschieht nicht aus Nostalgie, sondern weil Papier, Druck und Oberfläche nach wie vor einen wesentlichen, messbaren Beitrag zur Wirkung von Kommunikation leisten.

Wenn Gestaltung fühlbar wird
Ganz unbestritten: Die Digitalisierung hat viele Arbeitsschritte vereinfacht. Sie hat jedoch nicht ersetzt, was wir Menschen seit jeher wahrnehmen: Material, Struktur und Haptik. Wer Papier, Druck und Oberfläche versteht und am Beginn des Gestaltungsprozesses mitdenkt, gestaltet bewusster. Dabei geht es nicht um verklärte Romantik, nicht um die Rückkehr zu alten Techniken, sondern um das Verständnis jener Grundlagen, die gute Gestaltung damals wie heute ausmachen. Gut gesetzter Text führt die Leserinnen und Leser. Ein Gestaltungsraster schafft Ordnung. Das Wissen über Papier und dessen Veredelung zeugt von Materialverständnis weit über das Kommunikationsmittel hinaus. Dieses Verständnis hilft nicht nur dabei, Marken glaubwürdig und konsistent zu führen. Es weckt Emotionen, beantwortet Fragen rund um Positionierung und natürlich auch zum Thema verantwortungsvoller Umgang. Denn starke Marken entstehen nicht allein durch Logos, Slogans oder Bildwelten. Sie entstehen dort, wo gestalterische Entscheidungen Teil professioneller Kommunikation sind – auch beim Material, auf dem sie gedruckt wird.