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Kreative Freiheit klar definiert

Die zeitlose Stärke von Gestaltungsrastern

Kreative Freiheit klar definiert
Foto: Lisa Marie Niederschick

Früher waren Gestaltungsraster fixer Bestandteil jeder Designausbildung. Wer Layouts entwickelte, arbeitete mit Spalten, Achsen und klaren Ordnungssystemen. Heute übernehmen viele digitale Tools diese Struktur scheinbar automatisch. Fertige Vorlagen, Baukastensysteme und KI-generierte Layouts liefern in Sekunden fertige Ergebnisse. Doch gute Gestaltung entsteht selten zufällig und schon gar nicht über Templates.

Es war erst letzten Herbst: Ich wurde zu einem umfangreichen Printprojekt hinzugezogen: Briefinggespräche geführt, Fragen ausgeräumt, Skizzenbuch geöffnet und losgescribbelt. A4-Normseite – eh klar. Die Inhalte waren gesetzt, aber wie bringt man diese bei einer Vielzahl von Vorgaben wie Zielgruppe, Umfang, Schriftgrößen, Aufmacherseiten und vielem mehr sinnvoll auf die Seite(n)? Wie baut man – nicht im Text, sondern in der Gestaltung – einen Spannungsbogen? Und vor allem: Wie gestaltet man ein Dokument, das künftigen Kolleginnen und Kollegen in der Grafik die Arbeit erleichtert und sie nicht mit ständig auftauchenden Detailfragen ausbremst? Sprich in weiterer Folge Zeit, Energie und Geld spart. Die Reaktion meiner Auftraggeberin? „Aber geh, Max … einen Raster? Das machen wir nicht.“ Ganz ehrlich? Mir ist vieles egal, aber wenn es um Rastergestaltung im Grafikdesign geht … Es gibt für mich wenige „Basics“, die so sitzen sollten wie diese. Denn der gewissenhaft gestaltete Raster schafft Grundstrukturen und damit Klarheit. Er führt Leserinnen und Leser, hält die Ordnung im Fluss und hat noch weitaus mehr positive Eigenschaften. 

Was ist ein Gestaltungsraster?
Als Gestaltungsraster bezeichnet man in der (deutschsprachigen) Typografie ein durchgängiges, übergeordnetes System zur Organisation grafischer Inhalte. Es setzt sich in der Regel aus dem Grundlinienraster, dem Bildraster und dem Spaltenraster zusammen und wird auch als Layoutraster oder verkürzt als Raster bezeichnet. Im Kontext digitaler Benutzeroberflächen (etwa bei Websites) ist dafür häufig der englische Begriff Grid gebräuchlich. Als Designer begegnet mir immer wieder eine Skepsis gegenüber Gestaltungsrastern oder Normierungen, oft meist aus Angst vor gestalterischer Einengung. Übrigens: Bereits bei der Einführung der DIN-Papierformate im Jahr 1922 beklagten Kritikerinnen und Kritiker lautstark den Verlust kreativer Freiheit durch vorgegebene Formate. Doch statt zum stilistischen Zwang zu werden, erlaubt ein eigener Raster Grafikerinnen und Grafikern die Kontrolle über inhaltliche und formale Entscheidungen – und diese über das gesamte Projekt wirksam durchzuziehen.

Für wen gestalte ich? Wie wird produziert?

Raster als Design-Philosophie
Ein bewusst entwickelter Raster liefert in der Gestaltung (egal ob Print oder digital) ein unverzichtbares konzeptionelles Werkzeug, das heute mehr denn je Relevanz besitzt. Historisch galt der Raster als Kernstück einer rationalen Designmethodik: Der Schweizer Typograf Josef Müller-Brock-mann sieht den Raster sogar als Design-Philosophie – mit der Überzeugung, dass konsequente Struktur im Layout zu Klarheit im Gedanken führe. Vor allem zwingt es die Grafikerin und den Grafiker, sich mit Entwurfsproblemen auseinanderzusetzen, analytisch zu denken und gestalterische Entscheidungen zu begründen. 

Wie gehen wir es an?
Ich würde sagen: mit Wissen rund ums Handwerk, Block, Bleistift und Gespür für die Fläche – egal ob A4 oder 16-Bogen. Ach ja, und mit etwas mathematischen Grundkenntnissen lässt sich ein tragfähiger Raster rasch berechnen. Berechnen? Ja. Ich denke, keine ernst zu nehmende Gestalterin, kein professioneller Gestalter würde den Default-Raster in InDesign nehmen. Oder? Die Fragen sind: Für wen gestalte ich, für welche Leserschaft? Wie wird produziert? Geheftet? Klammer, Faden oder doch geklebt? Wie viele Spalten sind nötig? Lassen sich Spalten vielleicht vom Logo ableiten? Wow, das wird dann schon Meisterklasse, aber einen Raster über die Breite einer Bildmarke herzuleiten ist richtig geil. 

Es gibt für mich in der Gestaltung wenige „Basics“, die so sitzen sollten wie diese.

Bleiben wir dabei der Einfachheit halber bei einem Quadrat, das uns z. B. das Logo vorgibt. Wie oft passt dieses auf die Breite unserer Seite? Wie oft in die Höhe? Kann uns das Quadrat die Abstände nach oben und außen definieren? Eventuell ergibt sich aus dem eineinhalbfachen Maß der Abstand zur unteren Blattkante. Das Doppelte als Abstand nach innen. Die Arbeit mit dem Bleistift hilft, Zusammenhänge rasch zu verstehen, zu iterieren, Fehler in den Gedanken – und manchmal auch in den Berechnungen – zu erkennen, BEVOR digital umgesetzt wird. Nur so sehe ich, ob Spaltenbreiten und -anzahl die Leserinnen und Leser unterstützen oder ob ich mir den Luxus einer Marginalspalte für ergänzende Informationen leisten kann. 

Und wo bleibt die Kreativität?
Ein (leider) weitverbreitetes Missverständnis ist, den Raster als starres Korsett zu sehen, das individuelle Kreativität einschränkt. Genau das Gegenteil ist der Fall: Erst ein gestalteter Raster ermöglicht die Freiheit, gezielt abzuweichen und Variation zu schaffen. Der Raster dient als unsichtbares Rückgrat: Er gibt Ordnung und Konsistenz.